Oder: Wie man bei den Norddeutschen Neuesten Nachrichten mit dubiosen Zahlen jongliert

„Eine Zuhörerin im Rotlicht-Milieu“ lautete ein Artikel der Norddeutschen Neuesten Nachrichten vom 16. Januar. Vorrangiges Thema war die in Rostock ins Leben gerufene „Beratungsstelle für Menschen in der Sexarbeit“, angesiedelt beim Verein „Frauen helfen Frauen e.V.“. Im Allgemeinen ist gegen den Beitrag nichts einzuwenden – ein sinnvolles Thema und eine objektive Berichterstattung. Nur eine Sache löste bei uns im Team von Rotlicht-MV.de Verwirrung bzw. Verwunderung aus. Die Autorin sprach gleich eingangs von „etwa 200 bis 300 professionellen Prostituierten“, die in Rostock legal käufliche Liebe anböten. Frau Hinz behauptete ferner, das diese Angaben statistisch belegt seien. Darüber hinaus soll es eine Dunkelziffer geben, die in inoffiziellen sexuellen Handlungen in privaten Wohnungen oder Massagesalons begründet seien.

 

Keine Reaktion auf Anfragen

Wie gesagt, wir waren erstaunt ob der horrend hohen Zahl von 200 bis 300 Sexarbeiterinnen allein in der Hansestadt. Und das noch ohne diese ominöse Dunkelziffer. Schließlich arbeiten laut unseres bescheidenen Wissens bei weitem weniger Huren in der Stadt. Selbst gehe ich davon aus, dass diese Angabe daher rührt, dass bei irgend einer Behörde diese Anzahl Frauen über ein ganzes Jahr verteilt registriert wurden. Und da bekanntlich die Frauen häufig von Stadt zu Stadt und Land zu Land reisen, kommt man bei simpler Addition dann auf ein solches Ergebnis. Wohlgemerkt tauchen dann die selben DFrauen auch gleichzeitig in den Statistiken anderer Städte/Länder auf. Eine andere Möglichkeit, die vorstellbar wäre, ist die, dass man bei den NNN verschiedene regionale und überregionale Portale durchforstet und die jeweiligen Zahlen addiert hat, allerdings ohne Dopplungen zu beachten.

Wie dem auch sei, nachdem im April des letzten Jahres die SVZ (wie die NNN zum Medienhaus Nord gehörend) bereits die Zahlen deutlich nach oben schraubte (angeblich auf Daten des LKA beruhend – siehe den entsprechenden Blogbeitrag), wollten wir nun genaueres wissen. Woher hat die Redakteurin, Frau J. Hinz, diese Angaben?

Leider bekamen wir weder von Frau Hinz noch von den NNN eine Antwort auf unsere Anfrage. Also haben wir angerufen. Eine Kollegin von Frau Hinz erklärte uns, dass die Mail angekommen sei und man über eine Beantwortung nachdenke. Wie sie uns noch erzählte stamme der besagte Wert vom Gesundheitsamt. Mehr konnten wir leider nicht erfahren. Das Gesundheitsamt also?

 

Rückruf vom Gesundheitsamt

Gut, also erhielt auch der Amtsleiter Dr. M. Schwarz, der an anderer Stelle im NNN-Artikel zitiert wurde, eine Mail von uns. Herr Schwarz rief uns daraufhin sogar persönlich zurück. Wie von ihm zu erfahren war, erwähnte er die „200 bis 300“ zwar gegenüber der Journalistin, verwies aber mehrmals darauf, dass es sich dabei um „seit langem kursiernde Zahlen“ handele, wobei aber weder deren Quelle bekannt sei, noch deren Glaubhaftigkeit. Ergo: das Gesundheitsamt arbeitet selbst weder mit diesem Wert noch hat es ihn erhoben.

Mein Fazit: Beim Medienhaus Nord scheint man also gerne mit ungeprüften und überzogenen Zahlen zu arbeiten, wenn es ums Thema Prostitution geht. Ähnliches kennt man ja von anderen Redaktionen und deren Unermüdlichkeit, stets von 400.000 aktiven Sexarbeiterinnen bundesweit zu sprechen.

Was uns Herr Schwarz noch mitteilte (in unserer Mail haben wir nämlich noch weitere Fragen an ihn gerichtet), war, dass man auch beim Rostocker Gesundheitsamt nichts von den von der Großen Koalition geforderten medizinischen Pflichtuntersuchungen für Prostituierte halte. Gesundheitsvorsorge solle selbstbestimmt und eigenverantwortlich sein, so der Amtsleiter. Seines Wissens sei in puncto „Runder Tisch Prostitution MV“ zudem vorgesehen, Sexarbeiterinnen einzuladen. Interessant! Mal sehen, was wirklich passiert.

rmv