Gerichtsprozess in Bad Säckingen suggeriert, Prostitution sei verwerflich

Gestern Nachmittag ging im Baden-Württembergischen Bad Säckingen der Prozess über den Prostitutionsvorwurf in einem Tantra-Massage-Salon zu Ende. Wie ein schlechter Groschenroman las sich die mediale Aufarbeitung. So berichtete bspw. die BILD über einen angeblich unter Medikamenteneinfluss stehenden Zahnarzt, der von der Salonbesitzerin schamlos ausgebeutet wurde. Auch dessen Ehefrau kam in der Berichterstattung zu Wort. Aber wen interessiert so eine Geschichte eigentlich? Zum Justizfall wurde das vor allem, weil die Besitzerin unerlaubt der Prostitution nachgegangen sein soll.

Prostitution, also Sex beim Tantra? Komischer Aufhänger. Denkt man doch im allgemeinen, dass ein sexueller Kontakt beim Tantra persé eben nicht ausgeschlossen ist. Andererseits wäre eine erotische Massage mit vielleicht sogar happy end erlaubt, Geschlechtsverkehr aber ausdrücklich nicht? Warum jetzt genau ein Prozess?

 

Hat eine Gemeinde weniger als 20.000 Einwohner, ist Prostitution Verboten!

Tja, hier kommt eben wieder jene Sperrgebietsverordnung zum Tragen, welche in deutschen Gemeinden bis zu einer Größe von 20.000 Einwohnern Prostitution grundsätzlich im gesamten Gemeindegebiet verbietet. Bei einer Einwohnerzahl zwischen 20- und 50-tausend kann Prostitution ganz oder teilweise verboten werden. Hier ist die Handhabe von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Und so weiter und so fort. In Baden-Württemberg z.B. ist es grundsätzlich verboten der Prostitution in Gemeinden mit bis zu 35.000 Einwohnern nachzugehen. Daher eben auch in Bad Säckingen mit seinen rund 16.000 Bewohnern.

Im Bad Säckinger Tantra-Prozess ist die Herangehensweise an Ursache, Schuldigkeit und Problematik eine falsche und so entsteht mal wieder ein verkehrter öffentlicher Eindruck: Prostitution ist böse. Und, wie konnte der Massage-Salon nur Sex anbieten und das noch ganz inoffiziell und im Geheimen? Das darf nicht geduldet werden. blablabla …

 

Dass das Problem ein ganz anderes ist, wird verkannt. Wenn Prostitution in Deutschland auf der einen Seite legal, aber andererseits nur unter ganz bestimmten Auflagen, also nur in Ortschaften mit über X Einwohnern erlaubt ist, dann werden Prostituierte und Betreiber von Etablissements doch in ihrer Freiheit eingeschränkt. Selbstbestimmtes Arbeiten ist so nicht möglich. Im besagten Falle könnte eine freiberufliche Sexworkerin aus Bad Säckingen als nächsten legalen Arbeitsort (die Schweiz mal ausgenommen) den 30 km entfernten Ort Lörrach wählen. Das näher gelegene Rheinfelden ist mit 31.800 Einwohnern nicht geeignet. Spinnen wir wieder etwas weiter: Bei ihrem Besuch in Lörrach stellt unsere Bad Säckingerin fest, dass der Bedarf an Sexarbeiterinnen dort gerade mehr als gedeckt ist, also muss sie weiter ziehen. Dann stünden als nächstes entweder Singen (44.900 Einwohner) in 87 km Entfernung oder Freiburg (214.000 Einwohner) in 100 km Entfernung an … Der Staat zwingt unsere Freiberuflerin also auswegslos zum Pendeln, obwohl ihr theoretisch weitere Möglichkeiten offen stünden.

In Deutschland ist es verboten Minderjährigen hochprozentigen Alkohol zu verkaufen oder auszuschenken. Dennoch darf jeder Gewerbetreibender diesen ganz öffentlich und ungeniert, für jedermann ersichtlich in seinen Regalen stehen haben. Warum noch darf ich keine Prostitution (wohlgemerkt: in abgeschlossenen Räumen unter Ausschluss der Öffentlichkeit) in Städten unter X Einwohnern anbieten? Aus Jugendschutzgründen? Weil man Angst hat, dass Freier die Kinder und Jugendlichen ansprechen/für Prostituierte halten könnten? Wenn das passieren sollte, dann wird jener Mensch wegen sexueller Belästigung angezeigt und gut. Mit solchen Vorkommnissen hat doch die ausübende Prostituierte nichts zu tun.

Die Sperrgebietsverordnung als Ursache für unnötige Strafprozesse … . In diesem Punkt scheint noch politischer Nachholbedarf!

rmv