Warum die Arbeit von „Sisters e.V.“ mit extremer Vorsicht zu genießen ist.

Ständige Wiederholung ist kein Beweis für Wahrheit. Und dennoch setzten sich stets widergekäute Geschichten bzw. ein Statements sehr gut in die Köpfe fest. Deren Überprüfung und kritische Auseinandersetzung sind hingegen mühselig und erfordern Zeit. Auch im Rotlicht-Milieu gibt es derlei Fälle. In kaum einem anderen Gewerbe gibt es so viele hartnäckige Klieschees, Verallgemeinerungen und Vorurteile. Einen nicht unerheblichen Anteil daran haben seit jeher Abolitionisten, Prohibitionisten und radikal konservative Feministinnen. Allen voran Vertreterinnen wie Alice Schwarzer, Lea Ackermann oder Gaby Wentland.

Eine weitere, die sich dem unermüdlichen Kampf gegen eine Legalisierung und Liberalisierung der Prostitution verschrieben hat ist die Stuttgarter Sozialarbeiterin Sabine Costable. Seit nunmehr 20 Jahren verbreiten sie und ihre Mitstreiterinnen (insbesondere der Verein Sisters e.V.) ihre unumstößliche „Wahrheit“. Dogmatisch, doktrinär, starrsinnig und kompromisslos.

Mag ihre pädagogische Arbeit mit Beschaffungsprostituierten, Stricherinnen usw., die sie in der Prostituiertenanlaufstelle, dem Café „La Strada“, leistet, überaus wertvoll und unersetzbar sein. Die dortige Kompetenz soll hier keineswegs in Abrede gestellt werden. Anders verhält es sich hingegen mit Constabels öffentlichem, medialem Wirken (Fernsehen, Rundfunk, Podiumsdiskussionen etc.). Jemand, der unermüdlich behauptet Prostitution sei „im Alltag und in der Realität nicht von Zwangsprostitution zu trennen“, dem kann nur Radikalismus attestiert werden.

Zweifelhafte Auszeichnung für Constabel und „Sisters“

Nun erhält Sabine Constabel und ihr Verein „SISTERS – für den Ausstieg aus der Prostitution! e.V.“ auch noch einen Preis. Den Barbara-Künkelin-Preis der 40.000-Einwohner-Stadt Schorndorf. Im März 2018 soll er verliehen werden. Mit dem Preis werden Frauen oder Frauengruppen ausgezeichnet, die „zum Wohle der Allgemeinheit auf dem Gebiete besonders förderungswürdiger Zwecke vorbildlich tätig wurden“. Soweit so gut.

Aus der Begründung der Jury:

„[…] Das Besondere an Sabine Constabel ist, dass sie jene Fachfrau in Deutschland ist, die schon vor 20 Jahren mutig öffentlich ‚Nein’ sagte, als die Mehrheit in Politik und Gesellschaft voller Begeisterung für eine Liberalisierung der Prostitution das Wort geredet haben. Als ‚kleine’ Sozialarbeiterin aus dem Leonhardsviertel wagte sie, ihre Stimme zu erheben und sich in Vorträgen und Talkshows dem politischen Trend entgegen zu stellen. Heute wissen wir, dass Bordelle lukrative Unternehmen geworden sind. Ihre Betreiber werden nicht mehr als Zuhälter angesehen, sie sind inmitten der Gesellschaft als Wellness-Manager angekommen und bei Talkshows angesehene Gäste. […]“

Und genau hier lauert die Gefahr! Allein in diesen paar Sätzen finden sich diverse zweifelhafte, gar erdichtete Ressentiments.

Weder gab es vor 20 Jahren eine öffentliche „Begeisterung“ bezüglich einer Liberalisierung der Sexarbeit. Begeisterung – was ist das überhaupt für eine meinungsmacherische, weil emotionalisierende Wortwahl? Noch gab es eine meinungskonforme Majorität. Der Weg bis hin zu jenem kleinen Tüpfelchen Liberalisierung in Form des ProstG von 2002 war steinig und schwer. Die allgemeine Voreingenommenheit gegenüber der Sexarbeit, war nicht anders als die heutige.

Auch gab/gibt es jenen „politischen Trend“, gegen den sich Costabel zu stellen wagte, nicht. Ginge es nach der Mehrheit der Christdemokraten und anderer konservativer Strömungen, wäre Sexarbeit damals wie heute deutlich strenger reglementiert, wenn nicht gar verboten. Was es in den letzten 20 Jahren vielleicht gab, ist ein allgemein offenerer und freierer Umgang mit dem Thema Sexualität. Eine Liberalisierung und Entkriminalisierung der facettenreichen Sexarbeit nur wünschenswert. Dazu gehört auch eine sehr deutliche Unterscheidung zum Menschenhandel.

Und Bordelle als lukrative Unternehmen? Ja und nein. Wie in jedem anderen Wirtschaftszweig gibt es das, gab es schon immer. Aber auch genau das Gegenteil, Lusthäuser, die am Rande der Existenz stehen, sind keine Seltenheit. Das von der Jury behauptete „Wissen“ um den finanziellen Wandel der Bordelle ist also Schwachsinn. Genauso die Mär vom öffentlich hochgeachteten „Wellness-Manager“. Dass sich Bordellbetreiber in Talkshows nicht selten diversen Anfeindungen und eben jenen Verurteilungen als Zuhälter ausgesetzt sehen, wird hier mal komplett geläugnet.

Fazit: die Begründung der Jury mutet an, als könnte sie von „Sisters“ selbst verfasst sein. Hier wird ganz unverhohlen das klassische Bild von David (Sabine Constable) gegen Goliath (politische Mehrheit, Rotlicht-Lobby…) gezeichnet, dass es nur so kracht. Schutzherrin der Schwachen gegen deren Peiniger. Gut gegen Böse. Na dann herzlichen Glückwunsch Frau Sankt Constable.

Vom Epos zur Lyrik

Und wie man in Schorndorf das epische Bild von Constabel als Schutzheilige, als weiblichen David zeichnet. So taucht „Sisters“ neuerdings auch in der Dichtkunst auf. Wie sollte es auch anders sein im Land der Dichter und Denker? Jenes „literarische Meisterwerk“ taucht jedoch auf der eigenen Facebook-Seite auf. Verfasst einem Fan?, dem Rostocker/Ingolstädter Autoren Fred Hallmann.

Hier mal die ersten drei Strophen:

Die Sisters wissen’s seit langem schon:
es ist ein großes Elend, die Prostitution.
Täglich in den Körper rein und raus
für die Frauen ist’s kein Freudenhaus.

Prostitution macht diese Frauen krank!
Doch die Sisters ziehen an einem Strang
geben sich nach außen so bescheiden
und helfen vielen Frauen aus ihrem Leiden.

Gegen Entwürdigung im Bordell
setzen sie das nordische Modell
am liebsten wollen sie reden
über Freierbestrafung in Schweden.

vier weitere folgen (siehe dazu: https://www.facebook.com/pg/sistersverein/reviews/ ) …

… und wieder zurück zur Prosa

Jenes dilettantische, in simpelstem Paarreim verfasste Gedicht strotzt nur vor Klieschees und Stereotypen. Und das von einem studierten Soziologen. Aber komm, mit literarisch verwursteten Klieschees und Stereotypen kennt sich der Hallmann ja aus, immerhin hat er ja letztes Jahr ein Buch herausgebracht. Einen (autobiografischen?) Liebesroman mit dem schmalzigen Titel „Eine Blume für Christine“. Ja besser hätte dieses „Pretty Woman für Arme“, diese Geschichte vom verliebten Freier der Retter sein will auch eine Rosamunde Pilcher nicht schreiben können. Der Hammer unter all dem schwurbeligen gelaber sind die Dialoge und die „Innere Stimme“ des Protagonisten Sven. Weichgespült, kindlich naiv, gefühlsduselig und … einfach nur ätzend. Bitte wer glaubt denn solchen Gesprächen? Da fragt jener Sven nach dem Sex mit Christine – er wird inzwischen von Gewissensbissen geplagt – ob die rumänische Prostituierte ihren Job freiwillig mache. Natürlich erhält er völlig freimütig Antwort.

Auszug aus dem folgenden Gespräch:

„Ich hatte bisher nur schlechte Typen hier. Nur du… du bist so anders, das überrascht mich.“ Ihr letzter Satz berührte mich sehr. „Es ist doch kein richtiges Leben, jeden Tag mit Kerlen zu verbringen, die einen behandeln wie ein Stück Dreck“, „Ich dachte immer, dass auch viele Geschäftsmänner mit Niveau kommen, die Wert auf Sinnlichkeit und ge-pflegtes Äußeres legen und Respekt zeigen. Und dass du gutes Geld machst mit so einem Job und dass es nur jemand macht, der auch ein bisschen Spaß daran hat. Aber wenn das nicht der Fall ist… Christine, es tut mir sehr leid. Es tut mir wirklich leid, dass du in so einer schlechten Situation bist.[…]“

Äh ja, Sven aka Fred ist anders und als einziger Freier der Welt von moralischem und wertschätzendem Wesen. Janee is klar. Genauso albern geht es in dem Buch dann auch weiter. Wie gesagt, der Autor kennt sich aus mit Klieschees und Stereotypen.

Da ist es nicht verwunderlich dass sich Hallann und Sisters gefunden haben…

„Prostitution – die unzensierte Wahrheit“ … gibt’s beim Verein „Sisters“

Wieder zurück zur Wahrheit. Diese offenbarende Erkenntnis aller einhergehenden Zusammenhänge hat halt man bei den „Sisters“. Und auch beim Münchener „Kommunikationszentrum für Frauen zur Arbeits- und Lebenssituation e.V.“ (Kofra). Da wird am 16. März ein Vortrag mit dem Titel „Prostitution – die unzensierte Wahrheit“ gehalten. Wo und von wem es in Deutschland jetzt beim Thema Sexarbeit Zensur gibt, wer weiß. Aber sicherlich wird es uns die Referentin, die rennomierte Forscherin Dr. Melissa Farley erklären… Oder doch nicht! Denn die als „Autorin mehrerer Werke zu Prostitution sowie Leiterin internationaler Studien zu „Freiern“.“ angekündigte Doktorin steht alles andere als für objektive, repräsentative und meinungsfreie Studien.

Immerhin ist sie die Autorin der bei viel zitierten und selten kritisch betrachteten, weil stümperhaften Studie „Prostitution and Trafficking in Nine Countries: An Update on Violence and Posttraumatic Stress Disorde”. Darin wird u.a. behauptet, dass überdurchschnittlich viele Prostituierte als Kind misshandelt wurden. Dazu befragt wurden in Deutschland allerdings nur 54 Hamburger Prostituierte, die sich zu diesem Zeitpunkt in einer Einrichtung für Drogenabhängige bzw. in einem Aussteiger-Programm mit beruflicher Rehabilitation befanden.

Mithu Sanyal schrieb in ihrer Kolummne auf taz.de unter dem Titel „Falsche Fakten über Prostitution“ folgendes zum Thema Farley:

„Sobald man anfängt, zu der unauflöslichen Verbindung von Sexarbeit und Trauma zu forschen, führen alle Publikationen zu einer einzigen Quelle, nämlich Melissa Farleys Buch „Prostitution, Trafficking and Traumatic Stress“ von 2003, das in Fachkreisen inzwischen nicht nur umstritten, sondern schlicht widerlegt ist.“

Neben Farley werden an besagtem Abend auch die beiden „Prostitutions-Überlebende“ Sandra Norak (von SISTERS e.V.) und Marie Merklinger (Bündnis Stop Sexkauf/SPACE-International) sein. Was bitte sind Prostitutions-Überlebende? Mir schwant ob dieser bildreichen, emotionalisierenden Wortschöpfung Schlimmes. Ich frage mich gerade was denn das Gegenteil von Prostitutions-Überlebende sein soll?

Und noch eine wird an der Diskussion teilnehmen: die Fachtherapeutin für Psychotraumatologie Dr. Ingeborg Kraus. Die Therapeutin, die wissen will, dass der „Beruf der Prostituierten mit dem von Soldaten, ihre traumatischen Erfahrungen mit denen von Folteropfern“ gleichgestellt ist, hatte Doña Carmen bereits 2017

So konstatierte Doña Carmen:

„Kraus ist mit keinen eigenen Forschungsarbeiten zu Prostitution hervorgetreten. […] Für Deutschland gibt es diesbezüglich nur eine einzige Studie zum Zusammenhang von Prostitutionsausübung und Traumatisierung, auf die sich Kraus dann auch bezieht. Es handelt sich dabei um die im Jahre 2001 unter dem Titel „Die Prävalenz traumatischer Erfahrungen, Posttraumatischer Belastungsstörungen und Dissoziation bei Prostituierten“ veröffentlichte „explorative Studie“ der Hamburger Psychologin Sybille Zumbeck. […] Diese These darf sie nun auch in der ZDF-Doku zum Besten geben, ohne dass auch nur im Ansatz dargestellt wird, welche bescheidene Reichweite und zweifelhafte Qualität die Aussagen der Zumbeck-Studie eigentlich haben.[…]

Ingeborg Kraus und mit ihr das ZDF verschweigen all diese Zusammenhänge komplett. Stattdessen werden die problematischen Ergebnisse der Zumbeck-Studie – wider besseres Wissen – unzulässig und bedenkenlos auf die gesamte Prostitution übertragen. Das ist nichts anderes als pseudowissenschaftliche Scharlatanerie.[…]

Das ganze mündet dann in den methodisch unzulässigen Vergleich zwischen Kriegsopfern und Sexarbeiter/innen, dessen Größenverhältnisse an den Haaren herbeigezogen und ohne jegliche wissenschaftlich substanzielle Aussage sind.“

Und auch Mithu Sanyal (selber Beitrag wie beim Zitat zu Farley) schrieb im Januar kritische Zeilen über Ingeborg Kraus‘ Verlautbarungen und bezeichnete diese als „Quatsch“. Bei der Bundeswehr, genauer bei dessen Psychotraumazentrum, angefragt gab man sich gegenüber der taz empört anlässlich der unsensiblen Äußerungen der Psychotraumatologin (als auch der damaligen Entscheidung des ZDF, Kraus als einzige Expertise heranzuziehen).

 

Jaja, bei Sisters & Friends hat man es schon faustdick hinter den Ohren. Und diese geballte Kompetenz: eine Schutzheilige, ein gutbürgerlicher Held und Retter, eine Hüterin der Wahrheit, eine Traumtänzerin. Beeindruckend! Oder doch erschreckend?!

So schließen wir ab, wie wir anfingen: Ständige Wiederholung ist kein Beweis für Wahrheit!

 

rmv