„Wir begehren! – Sex und Hurerei in der Menschheitsgeschichte“

07/09/2015 | 14:43 Uhr

Ein Blick in die Schlafzimmer vergangene Tage – Neue Wissens-Reihe im Rotlicht-Weblog

 

Hurerei, Seitensprünge und Ehebruch, Vielweiberei, Orgien, Nymphomanie, sexuelle Eskapaden, Fetischismus… das sind keine Erfindungen heutiger Tage, das hat es schon immer gegeben! Prostitution ist kein Problem, sondern ein Arragement. Sadomasochismus gehört genauso zu unserer Sozial- und Kulturgeschichte wie die Verwendung von Sexspielzeugen. Leidenschaft ist nichts, was einzig verheirateten Paaren vorbehalten ist… . Seit Anbeginn der Geschichtsschreibung gibt es Zeugnisse dafür, dass der Mensch ein lüsternes, sexuell freizügiges und vergnügungssüchtiges Wesen ist. Weder selbsternannte Moralapostel noch von irgendwem beauftragte Sittenwächter haben dies ändern können.

Dass eine gesunde Gesellschaft aber immer auch einer sexuellen Vielfalt bedarf, ist für viele Menschen leider schwer zu verstehen. Mit der Reihe „Wir begehren! – Sex und Hurerei in der Menschheitsgeschichte“ möchte ich versuchen, aufzuklären, Blickwinkel zu erweitern, unverkennbare Parrallelen zur Gegenwart aufzuzeigen, zu einem liberalen Denken zu ermutigen.

 

Teil 1: Das „Nymphia“: Bordell der Superlative eröffnet 1899

Während der sogenannten „Belle Époque“ (um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert) machte an der Westküste der Vereinigten Staaten, in der Weltmetropole San Franzisko das bis dato größte Bordell der Welt Schlagzeilen. 1899 war es, als in der Pacific street erstmals das „Nymphia“ seine Pforten öffnete. Natürlich unter dem Protest etlicher wütender Bürger und der aufgebrachten Kirche. Als „schreckliches Übel“ wurde das Nymphia bezeichnet. Zur Hölle wurde es gewünscht. Die Prostituierten jedoch, jene „gefallenen Frauen“ müsse man befreien und sich um sie sorgen, so die allgemeine Meinung.

Bis zu seiner baldigen Schließung im Jahr 1903 (infolge mehrerer juristischer Auseinandersetzungen) war es ein Haus voller Innovationen. Es verfügte über 450 Zimmer/Kabinen. In jede Zimmertür war eine Scheibe eingelassen. Deren Vorhang wurde nach Einwurf einer Münze (1 Cent) von der Dame zur Seite geschoben, sodass schon einmal ihre nackte Haut bewundert werden konnte.

Freier entrichteten das Honorar dort nicht mehr an Zuhälter oder Puffmütter sondern direkt an die Prostituierten. So waren diese als selbständige „Therapeutinnen“ tätig und zahlten ihrerseits lediglich eine Zimmermiete an die Bordellbesitzer. Auch wohnten die Frauen nicht im Bordell, Sie kamen nur zum Arbeiten (übrigens im Schichtbetrieb) dort hin.

Ursprünglich sollte das dreistöckiges Gebäude „Hotel Nymphomanie“ heißen. Denn die Eigentümer vermieteten vorrangig an Frauen mit nymphomanischen Neigungen. Ein Grund: im Amerika des endenden 19. Jahrhunderts wird bereits über einen gewissen Arbeitsethos nachgedacht, wonach nur freudige Arbeiter auch gute arbeiter sein können. Nachdem dieser Name nicht genehmigt wurde, entschied man sich für „Nymphia“.

Die im Jahr 1917 herausgegebene Red-Light-Gesetzgebung beendete die bis dato offene Prostitution in San Francisco schließlich vollständig.

 

Quellen:
– „Unnützes Wissen 3: 1374 skurrile Fakten, die man nie mehr vergisst“, München 2013
– „Eros, Ehe, Hosenteufel – Eine etwas andere Sittengeschichte“, München 1998
– „Barbary Coast“, FoundSF, Shaping San Francisco
– San Francisco Call, 1899-1903 (California Digital Newspaper Collection)

 

Faszinierend, diese doch eklatanten Parallelen zur in Deutschland und weltweit stattfindenden Debatte 2014/15, oder nicht?

 

rmv