Wer keine Ahnung hat: Einfach mal die Fre**e halten

20/08/2015 | 12:50 Uhr

Wie Tageszeitungen und Vereinigungen widerliche Meinungsmache vor einen objektiv kritischen Diskurs stellen.

 

Nachdem ich mich schon über die verläumderischen Aussagen der EMMA anlässlich der Stellungname von Amnesty International zur Entkriminalisierung der Prostitution aufgeregt habe (siehe hier), habe ich dieser Tage noch etliche weitere Hirnkrämpfe bekommen. Grund: die EMMA ist nicht die einzige Zeitung die groben Schwachsinn verbreitet. Ihr haben sich auch andere Organisationen und Tageszeitungen angeschlossen und Verlautbarungen veröffentlicht, die von einem völligen Fehlverständnis sowohl des AI-Standpunktes als auch der Sexarbeit, des Rotlicht-Milieus und der Gesetzeslage zeugen.

Im Folgenden einige Beispiele. Beispiele, für die kein Spruch so gut passt wie „Wer keine Ahnung hat: Einfach mal die Fresse halten.“:

 

Bund Deutscher Kriminalbeamter:

„Die Freigabe des gesamten Prostitutionsgewerbes ohne jede staatliche Regulierung ist höchst fahrlässig und im Ergebnis nicht wirklich zielführend. Der Rotlichtbereich ist wegen seiner leicht zu erzielenden Gewinne ständiger Anziehungspunkt für die Organisierte Kriminalität und Spielwiese von Schwerkriminellen. Jetzt die Zuhälterei legalisieren zu wollen, ist schon hanebüchen“, so der Bundesvorsitzende des Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), André Schulz.

„Der Bund Deutscher Kriminalbeamter befürwortet weder eine völlige Entkriminalisierung der Prostitution noch eine Bestrafung von Prostituierten, sondern einen differenzierten Weg!“

Wer bitte sagt denn dass eine Entkriminalisierung bedeutet, staatliche Regulierungen seien damit ausgeschlossen? Das gesamte Gewerbe persé und noch dazu ohne jegliche Evidenz als „Spielwiese von Schwerkriminellen“ zu bezeichnen – noch dazu in einer offiziellen Pressemitteilung – ist ein Ding der Unmöglichkeit. Damit spricht sich Herr Schulz selbst jegliche Professionalität ab. Und noch einmal: AI sagt mit keinem einzigen Wort, dass Zuhälterei legalisiert werden soll!!! Was soll das? Und was bitte soll ein „differenzierten Weg“ sein?

 

Frauenverband Courage Essen + Marburger Bürgerinitiative „bi-gegen-bordel“:

„Zuhälter, Bordellbetreiber und die an Prostitution beteiligte Organisierte Kriminalität können bei völliger Straffreiheit weiterhin die gnadenlose Ausbeutung von Frauen in der Prostitution betreiben und Milliardengewinne damit erzielen.“

„Es ist unfassbar, dass ausgerechnet eine Menschenrechtsorganisation grundlegende Menschenrechte mit Füßen tritt: das Recht auf die Anerkennung der Würde eines jeden Menschen (Art. 1 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) und das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person (Art.3).“

1. Fehler: Zuhälter und Kriminelle werden mit Bordellbetreibern gleichgesetz. Falsch, denn in Deutschland ist Zuhälterei weiterhin strafbar, der Betrieb von Bordellen nicht.
2. Fehler: Wieso sollte organisierte Kriminalität von „völliger Straffreiheit“ profitieren? Erstens schließt sich das einander aus und zweitens bedeutet Entkriminalisierung von Prostitution eben das was es sagt: Sexarbeiterinnen sollen wegen der Ausübung ihrer Dienstleistungen nicht juristisch belangt werden können. Menschenhandel, Zuhälterei, sexueller Missbrauch, sexuelle Gewalt, Nötigung etc. sind doch weiterhin strafbar!!! Auch AI sagt nichts anderes.
3. Fehler: Unbenannte „Milliardengewinne“ (wohlgemerkt einer ganzen Branche) dienen als „Beweis“ für eine moralische Abnormität der Sexarbeit. In welcher Branche werden denn bitte keine Milliardengewinne erziehlt?
4. Fehler: AI trete „Menschenrechte mit Füßen“. Als Beweis zitiert die Bürgerinitiative zwei Artikel. Aber: genau jene zwei Artikel sprechen ganau für eine Entkriminalisierung. Denn wer Sex gegen Entgelt anbieten will, dem muss sein Menschenrecht auf Anerkennung seiner Würde und seiner Freiheit gewährt werden!

 

Im Weser Kurier schreibt dessen Chefredakteurin Silke Hellwig:

„Es ist laut Experten eine Mär, dass das Gros der Huren (und darunter gilt der Anteil der deutschen Frauen als außerordentlich gering), sich frei- und bereitwillig prostituieren. Es ist eine Legende, dass die Mehrheit der Frauen die Wahl zwischen mehreren Berufen hatte und sich ganz bewusst für die Prostitution entschieden hat. Es ist purer Unfug, dass, was zwischen den Laken in Bordellen, Liebesmobilen, Hotels oder Autos passiert, stets in so etwas wie bestem Einvernehmen geschieht. Schon das Wort Sexarbeiter ist nichts als eine Beschönigung.“

„Entsprechend darf die Grundlage der AI-Resolution in Zweifel gezogen werden, die auf Befragungen im Gewerbe beruht: Die Wahrscheinlichkeit, dass AI mit minderjährigen, von Bordell zu Bordell verkauften, gequälten Frauen ins Gespräch gekommen ist, scheint doch eher gering.“

„Die Notlagen, die Brutalität und das Elend des Metiers sind sattsam bekannt, umso erstaunlicher ist die AI-Forderung, auch Zuhälterei zu entkriminalisieren.“

„Dass die Organisation quasi das gesamte Gewerbe verteidigt, statt Opfer von Tätern zu unterscheiden, ist grob fahrlässig. Den Opfern hat Amnesty damit keinen Dienst erwiesen, sich selbst allerdings auch nicht.“

hierzu sage ich nichts, denn das hat Klaus Fricke im Kommentarbereich des Kuriers ausreichend getan. Darin hat er Frau Hellwig so ordentlich den Marsch geblasen und ihr jegliche journalistische Kompetenz abgesprochen. Gut so. Mal sehen was der Deutschen Presserat zu Hellwigs verläumderischen Ausführungen sagt…

 

Domradio.de führte ein unkritisches Interview mit Helga Tauch (Referentin bei der Frauenrechtsorganisation Solwodi):

„Es ist für uns eine Katastrophe, dass es Prostitution unter legalen Bedingungen gibt. […] Wir sehen an dieser Stelle die Frau in der Prostitution nicht als die selbstbewusste Sexarbeiterin, die auch in einem anderen Beruf tätig sein könnte. Sondern wir sehen sie hochgefährdet.“

„Wenn Amnesty an dieser Stelle sagt, man solle diesen ganzen Markt entkriminalisieren, dann erkennt die Organisation die Nöte der Frauen nicht. Und wir sehen, dass Amnesty mit den Bordellbetreibern kooperiert. Und da sind wir entsetzt und sagen, dass Amnesty an dieser Stelle nicht den Titel Menschenrechtsorganisation für sich in Anspruch nehmen kann. Wir sind sehr entrüstet.“

„Es gibt Untersuchungen, dass über 90 Prozent eine Missbrauchsbiografie mitbringen, um überhaupt in der Lage zu sein, Emotionen davon abspalten zu können, was sie körperlich über sich ergehen lassen. Prostituierte stehen vor Perversionen, von denen ich denke, dass die eine junge Frau nicht ertragen kann. „

Grandios was Solwodi sich da wieder leistet.
1.) Hier werden Sexdienstleisterinnen nicht nur bevormundet, nein ihnen wird jegliche Entscheidungsfreiheit und die Fähigkeit zur Sebstbestimmung abgesprochen.
2.) Und noch einmal: eben weil AI die „Nöte der Frauen“ erkannt hat tritt die Organisation für eine Entkriminalisierung ein! Nicht andersherum. Weiß man bei Solwodi eigentlich, was man da sagt?
3.) Dass „Amnesty mit den Bordellbetreibern kooperiert“ ist übelste Nachrede und Verläumdung.
4.) So wie Frau Tauch die Untersuchungen zu Missbrauchsbiografie von Prostituierten widergibt, ist das nicht richtig! Hat sie wohl nicht gelesen oder eben keine Ahnung vom Umgang und Auswertungen von Studien und Erhebungen!
5.) Ja, die Sache mit den „Perversionen“. Hier bin ich mal wieder ganz blasphemisch und unterstelle den katolisch konservativen und damit sexuell unreifen Vertreterinnen von Solwodi alles als Perversion anzusehen, was über den verklärten ehelichen Koitus (einmal im Quartal) hinausgeht.
6.) Wieso sind Prostituierte „junge Frauen“? Es gibt genügend Sexarbeiterinnen zwischen 40 und 60. Was soll diese Aussage?

 

Und obige vier Beispiele sind nur ein paar der vielen unqualifizierten Zu-Wort-Meldungen dieser Tage. Sehr Einseitig und in Teilen falsch ist z.B auch der Artikel „Amnesty kämpft für Zuhälter und Prostituierte“ auf n-tv.de.

 

Journalismus mit Anspruch:

Glücklicherweise gibt es auch genügend Personen (Journalisten, Redakteure, Pädagogen, Politiker etc.pp.) die verstanden haben, wofür Amnesty International einsteht. Folgende Beiträge stechen unter den verschiedenen Beiträgen in der deutschen Presselandschaft positiv (zumindest in weitgehend) hervor:

Stern: „Mehrheit will Bestrafung von ausbeuterischen Zuhältern“

Zeit Online: „Freiheit für Freiwilligkeit!“

der Freitag: „Warum Sexarbeit entkriminalisiert gehört“

Deutsche Welle: „Kommentar: Prostituierte brauchen Rechte!“

Frankfurter Rundschau: „Prostitution entzweit Frauenrechtler“

 

Und hier noch zwei Politiker-Zitate. Überraschend auch jene von Seiten eines CDU-Abgeordneten:

„Der familienpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Marcus Weinberg (CDU), sieht in dem Beschluss ein „deutliches Signal für die Bekämpfung von Frauenhandel, Zwangsprostitution und Sex mit Kindern – also zum Schutz der Prostituierten“. Entkriminalisierung der Prostitution bedeute nicht Schutz von Zuhältern und Freiern.“

„Die Frauenpolitikerin der Grünen, Ulle Schauws, begrüßte die Entscheidung. Sie forderte, Prostitution und Menschenhandel nicht zu vermischen. Die Kriminalisierung von Prostituierten treibe die Frauen in die Illegalität.“

 

rmv