Kulturtipp: Ausstellung im Pariser Musée d’Orsay

24/09/2015 | 11:27 Uhr

„Glanz und Elend. Bilder der Prostitution 1850-1910“

 

Im Europa des 19. Jahrhundert ging es, was die Sexualität betraf, recht zügellos zu – vor allem in der 2. Hälfte. In den wohlhabenden Kreisen Britanniens entdeckte man die Geißelung als erotische Spielart für sich, in Frankreich waren Kurtisanen teils omnipräsent und überall gediehen Bordelle und Lusthäuser unterschiedlichster Art. Weltstädt wie London, Paris, Berlin oder Wien waren beinahe magnetisierend für jeden, der seine Lust ausleben wollte. Das betraf übrigens Männer wie Frauen gleichermaßen. Und etliche Menschen profitierten davon: jene Bürger, die ihre Bedürfnisse befriedigen konnten und die Huren, die ihre Liebhaber auswählen konnten und von diesen hohe Entlohnungen bekamen.

Doch das alles brachte leider auch etliche Schattenseiten mit sich. Immerhin gab es damals keine Sozialversicherungen noch ein Gesundheitssystem wie wir es heute haben, Beratungsstellen gab es nicht, viele medizinischen Erkenntnisse fehlten noch, es gab weder Kondome noch Antibabypillen oder kontrollierte Schwangerschaftsabbrüche… . Unter den äußerst unschönen Folgen: Die Behandlung von Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Gonorrhoe und Hepatitis war leider kaum möglich. Verarmte Huren und „gefallene Mädchen“ blieben häufig ohne finanziellen, moralischen oder juristischen Beistand (die „Hilfe“ der Kirche ausgenommen).

 

Kunstausstellung bis Januar 2016 zu sehen

Über die Glorie sowie die Kehrseiten der Prostitution dieser Belle Époque informiert nun aktuell eine Ausstellung im Pariser Kunstmuseum „Musée d’Orsay“. Unter dem Titel „Splendeurs et misères – Images de la prostitution 1850 – 1910“ (Glanz und Elend. Bilder der Prostitution, 1850-1910) werden Gemälde damaliger Künstler präsentiert, die die sinnliche Seite der Kurtisanen abbilden. Historische Ausstellungsstücke wie u.a. ein originaler Liebesstuhl machen den Ausflug in die Vergangenheit noch realer. Daneben bekommt der Besucher aber auch Wachsfiguren und Fotografien aus Sammlungen medizinischer Fakultäten vorgesetzt. Diese sollen ihn wieder aus dem vorab vermittelten, romantischen Bild herausreißen. Bilder von Syphilispatient_innen etc. sind nämlich kein schöner Anblick.

Die Ausstellung ist seit dem 22. September und noch bis zum 17. Januar 2016 zu sehen. Danach wechselt sie ans Van Gogh Museum in Amsterdam (ab dem 19. Februar 2016). Weitere Infos gibt es direkt auf der Museumshomepage.

 

Wissenswertes zum Museum:
Im Musée d’Orsay hängt übrigens auch eines der Skandal-Gemälde der neueren Kunstgeschichte. Der Titel: Der Ursprung der Welt (L’Origine du monde). 1866 malte es der französische Maler Gustave Courbet als Auftragsarbeit für den türkischen Diplomaten. Nach über 100 Jahren, in denen es der Allgemeinheit verborgen blieb und von Besitzer zu Besitzer wechselte, wurde es 1988 erstmals öffentlich präsentiert. Sogleich rief es teils heftige Reaktionen hervor. Denn es bildet den nackten Unterleib einer liegenden Frau ab – samt halb geöffneter Vulva. Ein No-Go für ein breites Publikum und vor allem für den konservativen Feminismus. Porno im Museum, das geht ja nun gar nicht… .

 

rmv