Fundstück im Netz: Dirnenlied.de

03/02/2016 | 12:28 Uhr

“Das deutsche Dirnenlied”: Dr. Roger Stein holt hundert Jahre alte Gedichte, Chansons, Kabarett- und Volkslieder von und über Dirnen zurück in die Gegenwart


Bin heute auf eine überaus interessante Seite im WWW gestoßen. Dirnenlied.de heißt da eine Seite, die sich mit einer sehr außergewöhnlichen literarischen Gattung aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts befasst: dem sogenannten „deutschen Dirnenlied”. Der Autor, Liedermacher und promovierte Germanist Roger Stein ist der Website Urheber. 2004 schrieb er an der „Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien“ seine Dissertation über «Das deutsche Dirnenlied im literarischen Kabarett von 1901-1933». Seit 2006 ist die Arbeit beim Böhlau Verlag erschienen. Dirnenlied.de ging schließlich kurz darauf online.

Was ein Ding, dass ich erst jetzt Roger Steins Werk kennen lerne. Aber so ist es ja immer und überall im Leben. Wär ja auch schade, wenn mann immer gleich alles kennt und weiß… Stets Neues entdecken und Altes wiederfinden, das hat ja bekanntlich einen ganz besonderen Reiz. Aber mehr zum „Dirnenlied“:

Der Begriff soll sich laut Stein um die Jahrhundertwende (1900) bereits als feste Bezeichnung für diese Liedgattung etabliert haben. Darunter vielen Volkslieder, Animierlieder & literarisches Kabarett. Teils sollen diese Musikstücke sogar selbst von Prostituierten und Animierdamen in Bordellen und Nachtlokalen vorgetragen worden sein. Die Bandbreite und Vielfalt der Stücke ist dabei erstaunlich groß, deren Ton überraschend eindeutig und vulgär. Ein Lied, dass mich besonders amüsiert ist folgendes:

 

Welche ist die Beste?
Zwölf Schwestern stritten um die Wett:
Wer von ihnen die beste hätt

Die Meine ist so wenig
Das macht der rote König

Die Meine ist von seltner Art,
Ihr läuft das Wasser durch den Bart

Die Meine ist wie Butter weich,
Wer sie sieht, dem spitzt er gleich

Die Meine ist ein Lorbeerkranz
Vögeln kann sie jeder Schwanz

Die meine ist ein närrisch Luder
Jeder Schwanz ist gleich ihr Bruder

Die Meine ist ein Tausendsass
Nach jedem Stoss lässt sie an Schass

Die Meine lässt sich bürsten
Von Grafen und von Fürsten

Die Meine ist gewiss nicht klein
Doch passt ein jeder Schwanz hinein

Die Meine ist verwachsen
Wie der Flachs von Sachen

Die Meine, die ist krumm und schief,
Nach jedem Stoss macht sie ein Pfiff

Die Meine ist das Meisterstück
Nach jedem Stoss gibts drei zurück

 

Wer mehr erfahren will (zur Historie, Liedtexte, Hörproben), der stöbert einfach durch die Seiten auf www.dirnenlied.de oder legt sich das Buch zu. Da soll mall jemand sagen, dass Prostitution keinen kulturellen Beitrag für eine Gesellschaft leisten kann…

 

rmv